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Anti-Fresha: Warum ich mitten in der Nacht ein Buchungssystem baue, das keine Provision nimmt

Feature. Über einen Markt, den in Deutschland gerade zwei US-Konzerne unter sich aufteilen – und warum das für kleine Salons auf dem Land zum Rechenexempel wird. Ein Werkstattbericht aus Dettingen an der Erms.

Aktualisiert 7 Min Lesezeitvon

Es ist ein Dienstagabend, kurz nach halb elf, als eine Salonbetreiberin aus einem Vorort von Reutlingen mich zurückruft. Sie hat den Tag mit Färbungen verbracht, die Kasse ist gemacht, der letzte Kaffee kalt. Sie will nicht klagen, aber sie klagt trotzdem. Fresha, sagt sie, habe ihr letzten Monat 187 Euro abgezogen. 187 Euro für Buchungen, die zu 90 Prozent von Stammkundinnen kamen. Frauen, die seit sechs Jahren zu ihr kommen. Frauen, die auch ohne App gekommen wären. Sie hat es durchgerechnet.

Ich frage sie, warum sie es überhaupt noch nutzt. Sie zögert, dann sagt sie den Satz, der der eigentliche Ausgangspunkt dieses Textes ist. „Wenn ich rausfliege, sehe ich sie auf Google gar nicht mehr.“ Sie meint ihre eigenen Kundinnen.

Ein Markt, den in Deutschland kaum jemand vermisst – und den zwei Konzerne gerade neu aufteilen

Der deutsche Friseurmarkt umfasst laut Zentralverband des Deutschen Friseurhandwerks knapp 80.000 Betriebe (80.118 zum Stichtag 2025). Das ist eine der letzten wirklich fragmentierten Branchen der Republik. Kaum Ketten, kaum Franchise, viel Handwerk, viel Familie. Genau das macht ihn für Software-Investoren attraktiv. Wo 80.000 kleine Anbieter noch mit einem Papierkalender arbeiten, gibt es 80.000 potenzielle Konten.

Beim Vergleich von Buchungsplattformen müssen Abonnement, Zahlungsabwicklung, Neukundenvermittlung und weitere Zusatzleistungen getrennt betrachtet werden. Die früher pauschal genannten Provisionen von zwei bis fünf Prozent sind keine belastbare Beschreibung der aktuellen Konditionen von Fresha oder Treatwell. Prüfe den konkreten Tarif, die Region und die Definition einer vermittelten Buchung direkt beim Anbieter.

Was zunächst harmlos klingt, ist eine strukturelle Verschiebung. Denn die Plattform besitzt die Kundenbeziehung. Nicht der Salon. Wer die Software wechselt, wechselt nicht nur den Anbieter, er verliert den Zugang zu einem Teil seiner eigenen Kartei.

Warum das kein Randthema ist

Ich habe in den letzten Wochen mit vierzehn Salonbetreiberinnen und Betreibern gesprochen. Zwei in Reutlingen, drei in Tübingen, einer in Stuttgart Süd, der Rest verteilt im Umland zwischen Metzingen und Bad Urach. Nicht mit einer Kamera, nicht mit einem Fragebogen. Am Telefon, im Salon, am WhatsApp Chat um 22 Uhr. Was alle vierzehn sagen, ist im Kern das Gleiche.

„Ich bin froh, dass die Termine automatisch reinkommen. Aber ich weiß nicht mehr, wem meine Kundinnen gerade gehören – mir oder der App.“

Dieser Satz stammt aus einem Café in Tübingen. Der Betreiber schneidet seit siebzehn Jahren in derselben Innenstadtlage. Er nutzt Fresha seit anderthalb Jahren. Er bezahlt inzwischen etwa 240 Euro Provision pro Monat. Er würde umsteigen, sagt er. Aber worauf?

Die deutsche Alternative – die es bislang kaum gab

Deutsche Anbieter gibt es. Shore aus Berlin, Booksy aus Polen mit deutschem Team, Phorest aus Irland mit München-Büro. Alle vernünftig gebaut, alle mit einem Aber. Shore rechnet nach Zusatzmodulen ab, wer alles will, zahlt schnell dreistellig monatlich. Booksy ist stark im Import aus Osteuropa, das eigene Fresha-Modell mit Provision aber im Kern das gleiche. Phorest ist das teuerste, aber auch das solideste. Für einen Familienbetrieb mit zwei Stühlen bleibt jede dieser Optionen Overkill.

Was fehlt, ist eine Software, die die Größenordnung eines Ein-Personen- oder Drei-Stuhl-Betriebs ernst nimmt. Keine Buchungsmaschine für Ketten, keine Provisionsfalle. Ein einfaches, sauberes Werkzeug, das aussieht wie 2026 und nicht wie eine SAP-Oberfläche aus 2011.

Was ich mitten in der Nacht mache

Seit dem Frühjahr baue ich das, was diese Gespräche mich gelehrt haben. Der Arbeitstitel ist SchnittBuch. Es sitzt unter meinem eigenen Dach, Platrion, was in einem Kellerbüro in Dettingen an der Erms mehr Handwerksbetrieb ist als Software-Firma. Ich programmiere nachts, weil tagsüber Kundenprojekte laufen. Ich habe keine Investoren, ich will auch keine. Der Grund ist einfach.

Investorengeld schreibt kein bestimmtes Provisionsmodell zwingend vor. Ein Anbieter kann sich aus Abonnements, Zusatzleistungen, Vermittlung oder anderen Erlösen finanzieren. Für einen Salon ist entscheidend, welche Kosten im eigenen Nutzungsszenario tatsächlich entstehen und wie transparent sie vertraglich geregelt sind.

Ich habe stattdessen einen Festpreis gerechnet, den ich einer Salonbetreiberin ins Gesicht sagen kann, ohne rot zu werden. 29 Euro im Monat, Pro-Tarif, alles drin. Wer Frühbucher ist, zahlt 19 Euro dauerhaft. Wer eine komplette Webseite dazu will, zahlt einmal 790 Euro plus 39 Euro Hosting. Keine Provision, keine Wachstumsstrafe. Wenn ein Salon im Sommer 40 Prozent mehr Termine bucht als im Winter, ist mir das lieb. Es kostet ihn aber keinen Cent mehr.

Warum das für einen Alleinunternehmer überhaupt geht

Ein einfaches Rechenbeispiel: 100 zahlende Salons zu jeweils 29 Euro monatlich ergäben 2.900 Euro Monatsumsatz vor Kosten und Steuern. 300 solche Salons ergäben 8.700 Euro. Daraus folgt ohne Kostenrechnung nicht, dass der Betrieb wirtschaftlich getragen wäre. Zusätzliche Leistungen oder andere Tarife müssten gesondert berücksichtigt werden.

Wenn ich Recht behalte, wird der Markt in fünf Jahren zwei Ligen kennen. Die eine bezahlt weiterhin Provision an Konzerne, die auf Volumen leben. Die andere hat eine kleine, monatliche Rechnung von Anbietern, die auf ihre Kundenbeziehung schauen. Ich möchte gerne zur zweiten Liga gehören, gerade weil sie kein Sog-Effekt für Kapital ist. Kapital fließt dorthin, wo Skalierung schnell geht. Handwerk fließt dahin, wo man länger bleibt.

Was der DSGVO-Aspekt damit zu tun hat

Wo Kundendaten verarbeitet werden und welche Dienstleister beteiligt sind, muss anhand aktueller Datenschutzinformationen und Verträge geprüft werden. Eine Verarbeitung außerhalb der EU ist nicht automatisch unzulässig; für Drittlandübermittlungen gelten insbesondere die Voraussetzungen von Kapitel V der DSGVO. Pauschale rechtliche Bewertungen einzelner Wettbewerber ohne diese Prüfung sind nicht belastbar.

Bei SchnittBuch liegen die Daten auf einem Server in Frankfurt am Main. Kein Cluster, kein Provider mit fünf Rechenzentren auf drei Kontinenten. Ein Server, DSGVO-konform gehostet, mit Auftragsverarbeitung nach Muster des ULD Schleswig-Holstein. Das ist nicht der aufregendste Satz dieses Textes. Aber es ist der wichtigste für alle, die einmal einen Bescheid einer Datenschutzbehörde bekommen haben.

Was fehlt und was noch dauert

Ich schreibe diesen Text nicht, weil das Produkt fertig ist. Es ist noch nicht fertig. Das Buchungsformular für Kunden steht, die automatische Bestätigungsmail steht, der Kollisionscheck steht, das Salon-Dashboard im Sandbox-Modus steht. Was noch fehlt, ist das Live-Salon-Dashboard mit Kalenderansicht, die Stammkundenhistorie und die 24-Stunden-Erinnerungs-Mail. Ich arbeite in Wochen-Iterationen, nicht in Quartalen. Wer möchte, kann sich auf die Warteliste setzen und wird beim Launch als Erstes freigeschaltet, mit dem Frühbucher-Preis auf Lebenszeit.

Ich weiß, dass ich diesen Markt allein nicht drehe. Ich weiß auch, dass ich diesen Markt gar nicht drehen muss, damit dieses Projekt sich lohnt. Es reicht, wenn genug kleine Salons in Reutlingen, Tübingen und den Dörfern dazwischen einen Anbieter finden, der sie nicht bestraft, wenn sie erfolgreich sind.

Was ich nicht sein will

Es gibt einen Typus deutscher Softwareanbieter, den ich in den letzten Monaten immer wieder auf LinkedIn gesehen habe. Er nennt sich Founder, hat eine Freistellung mit Growth-Marketing, redet vom eigenen Ausstiegsszenario und nutzt Wörter wie Scale-Up wie andere ihre Kaffeetassen. Ich möchte das nicht sein. Ich möchte im nächsten Sommer nicht in einem Panel in Berlin sitzen und über meinen Series-A-Weg sprechen. Ich möchte lieber in einem Salon in Metzingen sitzen und mir anhören, warum eine bestimmte Funktion nervt.

Wenn Sie einen Salon betreiben, klein oder mittel, und Sie das hier gelesen haben, dann melden Sie sich einfach. Warteliste liegt unter platrion.de Slash schnittbuch Slash preise. Kein Termin, keine Verkaufspräsentation. Ich schicke Ihnen die Roadmap, sag Ihnen ehrlich, was in acht Wochen live geht und was ich Ihnen noch schuldig bleibe. Wenn Sie warten wollen, bis alles fertig ist, dann warten Sie. Wenn Sie helfen wollen, ein alternatives Modell zu bauen, dann helfen Sie mit.

Ob eine alternative Salonsoftware einen Vorteil bietet, zeigt sich im Alltag: verständliche Bedienung, verlässlicher Terminablauf, nachvollziehbare Kosten und ein brauchbarer Datenexport. An diesen Punkten sollte sich auch SchnittBuch messen lassen, nicht an unbelegten Aussagen über die Konkurrenz.

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